Svea Scherleithner, ehem. Head of Sustainability bei Heraeus Precious Metals
Impact braucht Struktur - was Sustainability von Finance lernen kann

Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Finanzlogik zusammenbringen?
Svea Scherleithner, ehem. Head of Sustainability bei Heraeus Precious Metals: Impact braucht Struktur - was Sustainability von Finance lernen kann
In dieser Episode von "Talking Proof" spricht Lukas Vogt mit Svea Scherleithner, zum Zeitpunkt der Aufnahme Global Head of Sustainability bei Heraeus Precious Metals, über die Realität von KI im Alltag von Nachhaltigkeitsteams und die Entwicklung von Nachhaltigkeit in Unternehmen.
Svea teilt Einblicke, wie sich Nachhaltigkeit in den letzten Jahren verändert hat, und welche Herausforderungen die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit sich bringt. Zudem diskutieren wir die Bedeutung von Datenmanagement in der Nachhaltigkeitsberichterstattung, die Erwartungen an Transparenz und Gemeinsamkeiten mit der Finanzberichterstattung. Abschließend werfen wir einen Blick in die Zukunft, in der Nachhaltigkeit Teil der Unternehmenskultur sein sollte.
Kurz & knapp - darum geht’s in dieser Folge
Nachhaltigkeit wird zunehmend zum strukturierten Managementthema. Doch wie lässt sich Impact messbar machen – und was kann Sustainability von der Finanzwelt lernen?
In dieser Episode von Talking Proof sprechen wir über den Wandel von Nachhaltigkeit in Unternehmen: von einer wertegetriebenen Initiative hin zu einem klar regulierten und Steuerungsthema.
Svea erklärt, warum Daten, klare Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheidend sind, um Nachhaltigkeit wirklich in Unternehmensstrukturen zu verankern. Außerdem diskutieren wir die Rolle von KI im Arbeitsalltag, die steigenden Anforderungen an Transparenz in der Berichterstattung und warum Nachhaltigkeit langfristig ähnlich systematisch gemanagt werden muss wie Finanzen.
Am Ende finden Sie außerdem:
👉 Fünf konkrete Dinge, die Unternehmen jetzt tun können.
Der gesamte Podcast zum Nachlesen
Lukas:
Hallo und willkommen zu einer neuen Folge von Talking Proof. Ganz im Sinne unserer Mission bei Sunhat: Nachweisbarkeit und das Management drumherum.
Svea, wir kennen uns ja schon länger, und ich freue mich total, heute mit dir stärker auf die operative Seite zu schauen – also die Unternehmensperspektive. Sag doch zum Einstieg ein paar Worte zu dir.
Svea:
Ja, super, ich freue mich auch total, hier zu sein – in diesem schönen Setup.
Ich bin Svea und bei Heraeus Precious Metals für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich. Ich habe einen Finance-Hintergrund, was für das weitere Gespräch vielleicht noch spannend wird.
Lukas:
Wir haben ja schon öfter über das Thema From Startup to Operations gesprochen. Sunhat ist selbst ein junges Unternehmen, wir wissen also, wie sich dieser Übergang anfühlt. Du meinst das aber insbesondere im Kontext von Sustainability und Sustainability Management. Was genau meinst du damit?
Svea:
Wenn ich zurückblicke, wie sich das Thema in den letzten Jahren entwickelt hat, kann man klar sagen: Es hat sich stark verändert.
Vor drei, vier Jahren hatte Nachhaltigkeit bei uns noch einen klaren Startup-Charakter. Es war sehr gehypt, alles war neu, ständig kamen neue Themen dazu. Erst Klima, dann Materialitätsanalysen – das Feld wurde immer größer.
In Gesprächen mit Kunden war da viel Begeisterung:
„Super, ihr könnt einen Product Carbon Footprint berechnen“,
„toll, ihr habt ein professionelles Reporting“.
Auf der anderen Seite fehlte aber oft noch tiefes Fachwissen.
Das hat sich komplett geändert. Heute würde ich sagen, Nachhaltigkeit hat fast einen Compliance-Charakter – gerade bei Industriekunden. Da sitzen inzwischen extrem kompetente Expert:innen auf Kundenseite, die sehr konkrete Anforderungen stellen. Diese Entwicklung hat sich innerhalb weniger Monate vollzogen.
Lukas:
Compliance klingt immer ein bisschen langweilig, aber ich glaube, was du meinst, ist eher der Hygienefaktor: Es wird einfach erwartet.
Svea:
Genau. Es wird erwartet – und zwar mit hoher Professionalität. Es gibt keine Diskussion mehr darüber, ob man das macht, sondern nur noch wie gut.
Lukas:
Wenn wir über Operations sprechen, geht es ja viel um Prozesse und Menschen. Wie ist das Thema Nachhaltigkeit heute in den Fachbereichen angekommen? Ist das Wissen noch zentralisiert oder wirklich verteilt?
Svea:
Ich würde sagen, es ist angekommen. Ein wichtiger Schritt war für uns, klar zu definieren, was Nachhaltigkeit für jeden Bereich konkret bedeutet.
Am Anfang versteht jeder etwas anderes darunter. Wir haben deshalb viel Zeit investiert, um zu klären:
Was ist der Beitrag jedes Bereichs?
Wie messen wir ihn?
Wie machen wir ihn sichtbar?
In der Produktion geht es zum Beispiel um Energieeinsparung – mit konkreten Zielen, Projekten und regelmäßigem Reporting. In der Personalabteilung stehen andere Themen im Fokus.
Der Nachhaltigkeitsbericht war dabei ein wichtiger Treiber, um regelmäßig mit den Bereichen ins Gespräch zu kommen:
Was nehmt ihr euch vor?
Was machen andere Unternehmen?
Wo stehen wir?
Lukas:
Viele kennen das: Man kommt mit einer neuen Anforderung auf Kolleg:innen zu und bekommt erstmal die Frage: „Ist das wirklich mein Job?“
Ist Nachhaltigkeit bei euch noch so ein Ad-hoc-Thema oder schon strukturierter?
Svea:
Auf jeden Fall strukturierter. Natürlich ist es wichtig, als Unternehmen klare Prioritäten zu setzen. Man kann nicht alles gleichzeitig auf dem gleichen Niveau vorantreiben – und muss es auch nicht.
Die entscheidenden Fragen sind:
Was ist uns wichtig – und warum?
Was ist unseren Kunden wichtig?
Wo liegen die größten Risiken in der Lieferkette?
Nur so entsteht ein echter Wertbeitrag fürs Unternehmen. Wenn das klar ist und mit der Unternehmensstrategie abgestimmt wird, dann ist auch klar, dass alle gemeinsam daran arbeiten.
Am Anfang war das bei uns sprunghafter, ja. Aber inzwischen ist Nachhaltigkeit strategisch verankert.
Lukas:
Ihr steht zwischen Industriekunden und eigener Lieferkette. Welche Anforderungen kommen aktuell von Kundenseite – gerade in Bezug auf Daten?
Svea:
Das ist nach wie vor eine große Herausforderung.
Man könnte ja meinen: Es gibt heute viel mehr Transparenz, alle berichten, alles ist öffentlich verfügbar. Aber in der Praxis ziehen Kunden diese Informationen kaum direkt aus Berichten.
Das liegt auch daran, dass Standards fehlen oder Informationen schwer vergleichbar sind. Deshalb gibt es weiterhin viele gezielte Datenabfragen – gerade bei Fokuslieferanten.
Und Ratings wie EcoVadis oder CDP spielen nach wie vor eine große Rolle. Ich glaube nicht, dass das so bald weggeht, weil es eine einfache Vergleichbarkeit bietet.
Lukas:
Wir sagen ja immer: Knowledge is what you know, proof is what you can show.
Wie siehst du dieses Thema Nachweise?
Svea:
Ich halte das für extrem wichtig – aus Glaubwürdigkeitsgründen.
Im Grunde ist das eine Entwicklung hin zur Logik der Finanzberichterstattung. Auch dort kann ich nicht einfach irgendwas behaupten, ohne dass es geprüft wird.
Nachhaltigkeitsberichterstattung folgt denselben Prinzipien: Vergleichbarkeit, Nachvollziehbarkeit, Auditierbarkeit. Das ist absolut sinnvoll.
Lukas:
Du hast einen Finance-Hintergrund. Hilft dieser Blick auf Nachhaltigkeit?
Svea:
Absolut. Ich würde Nachhaltigkeitsdaten gar nicht so stark von Finanzdaten trennen.
Auch bei Scope 1 und 2 braucht man – gerade bei globalen Unternehmen – ein professionelles Datenmanagement. Ohne gute Datenqualität kann man nicht steuern und keine Fortschritte erzielen.
Reporting ist nur ein Teil. Der viel wichtigere Teil ist, dass man mit den Daten arbeiten kann:
Wie entwickeln sie sich?
Wo sind die Hebel?
Was sind die Kostenkurven?
Ohne saubere Strukturen beschäftigt man sich nur mit Datensammlung – und nicht mit Verbesserung.
Lukas:
Viele sprechen über KI und Effizienzgewinne. Wie erlebst du das?
Svea:
Ich glaube, viele stehen noch ganz am Anfang. Es gibt unglaublich viele Tools – man wird regelrecht zugespammt.
Aber nur wenige sind wirklich gut und können die Komplexität großer Unternehmen abbilden, inklusive Schnittstellen.
Gleichzeitig darf man den Faktor Mensch nicht unterschätzen. Das ist neu, ungewohnt, und man muss erst lernen, wo KI wirklich Mehrwert bringt. Das braucht Zeit.
Lukas:
Gerade im Compliance- und Nachhaltigkeitskontext gibt es ja hohe Anforderungen an Genauigkeit. Ist das ein Hindernis?
Svea:
Im Gegenteil – eigentlich ist Nachhaltigkeit ein perfekter Anwendungsfall für KI.
Die Themen sind immer dieselben, nur die Fragen werden anders gestellt: Ratings, Kundenfragebögen, Berichte.
KI kann hier helfen, Antworten zu strukturieren, Informationen wiederzuverwenden und Audit-Sicherheit zu erhöhen – solange der Mensch die Kontrolle behält.
Lukas:
Siehst du langfristig noch Menschen in diesen Prozessen?
Svea:
Im Zielzustand sollte eigentlich niemand mehr alles manuell prüfen müssen. Heute ist das aber noch nötig – auch wegen regulatorischer Risiken.
Die KI ist noch nicht so weit, dass man ihr blind vertrauen kann. Aber perspektivisch sehe ich da großes Potenzial.
Lukas:
Warum gibt es trotz mehr Standards weiterhin so viele individuelle Abfragen?
Svea:
Weil Standards zwar helfen, aber nicht alle Interpretationsspielräume schließen.
Ein gutes Beispiel ist Scope 3: Es gibt einen Standard, aber trotzdem mehrere korrekte Berechnungsmethoden – mit teils großen Auswirkungen auf die Zahlen.
Man muss sehr tief im Thema sein, um das richtig zu interpretieren. Das ist bei Finanzberichten nicht anders – deshalb gibt es auch dort Ratingagenturen. Ich erwarte, dass sich das in der Nachhaltigkeit weiter angleicht.
Lukas:
Wenn du nach vorne schaust – wo stehen wir in ein, zwei Jahren?
Svea:
Ich glaube, Nachhaltigkeit wird ein ganz normales Querschnittsthema – wie Arbeitssicherheit.
Es wird nicht mehr diskutiert, ob es wichtig ist. Es gibt Standards, die nicht zur Debatte stehen. Zielkonflikte müssen offen adressiert werden, aber das Thema an sich ist gesetzt.
Dann geht es um Excellence: effizienteres Reporting, bessere Energieeffizienz, bessere Prozesse.
Ich sehe das als sehr positive Entwicklung – wenn Nachhaltigkeit einfach dazugehört und nicht ständig erklärt werden muss.
Lukas:
Danke dir, Svea, für das Gespräch. Es war großartig.
Svea:
Danke dir, hat mich sehr gefreut.
Fünf konkrete Dinge, die Unternehmen jetzt tun können.
- Datenstrukturen für Nachhaltigkeit aufbauen
Nachhaltigkeitsdaten sollten genauso strukturiert erfasst und gepflegt werden wie Finanzdaten. - Sustainability und Finance enger verzahnen
Gemeinsame Prozesse und ein einheitliches Verständnis von Kennzahlen erleichtern Reporting und Steuerung. - Klare Verantwortlichkeiten definieren
Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn Aufgaben und Rollen über Abteilungen hinweg eindeutig geregelt sind. - Technologie und KI sinnvoll nutzen
Digitale Tools können Datensammlung, Analyse und Reporting erheblich effizienter machen. - Nachhaltigkeit in die Unternehmenskultur integrieren
Langfristig wird Sustainability dann erfolgreich sein, wenn sie nicht nur Berichtspflicht, sondern Teil der täglichen Entscheidungsprozesse ist.
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